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"Business Club"-Kaminabend mit Walter Kohl Print
Dr. Samir Al-Hami und Walter KohlFulda. Zu einer Talkrunde der besonderen Art hatte Dr. Samir Al-Hami in den Business Club geladen. Ein illustrierter Gästekreis diskutierte in gemütlicher Kaminabend-Atmosphäre mit Walter Kohl über dessen Buch „Leben oder gelebt werden“.
Walter Kohl. Richtig. Das ist doch „der Sohn vom Kohl“. Und da sind wir auch schon beim „Hauptproblem“ des Referenten, der Zeit seines Lebens im breiten Schatten des Ex-Kanzlers Helmut Kohl, des übermächtigen Vaters leben musste. Der so von außen definierte wurde und auch nach eigenem Selbstverständnis entsprechend handelte. Was zu einer schweren Sinn- und Lebenskrise führte, bis er eben 2008 begann, sich in und mit seinem Buch sozusagen den Frust von der Seele zu schreiben. Es wurde ein Bestseller – nicht nur unter den „Spiegel“-Lesern. Im vergangenen Jahr stand es auf Platz zwei von Deutschland meistverkauften Sachbüchern.
Kohl wollte ursprünglich kein Buch schreiben, musste sich lange überreden lassen zu dieser Art von „Therapie“. Das Buch enthält nichts geheimnisvolles, ist keine private Schlammschlacht mit der eigenen Familie, keine persönliche Abrechnung mit dem Vater. „Es ist ein, mein innerer Friedensvertrag mit einer schweren Belastung“, wie es Walter Kohl ausdrückte. Schon am ersten Schultag war er „der Sohn vom Kohl“, suchte nach der eigenen Identität. „Meine Hauptprobleme waren nicht Vater oder Mutter, sondern das Umfeld“, schildert er seine ganz speziellen Erfahrungen. Als Kind in die Hauptzeit des deutschen RAF-Terrorismus „hineingeboren“, stand er unter besonderer Beobachtung, totaler Abkapselung und einer Rund-um-die-Uhr-Bewachung.
„Ich hatte jahrelang Spielverbot mit anderen Kindern, wurde in einer gepanzerten Limousine zur Schule gefahren, begleitet von dutzenden Polizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag.“ An seinem Gymnasium wurden Wetten darauf abgeschlossen, wann er entführt wird. Eine Lehrerin hat ihm direkt ins Gesicht gesagt, “Dein Vater ist ein Nazi-Schwein“. „Ich war ein anderer unter Gleichen“, beschreibt Walter Kohl seine Außenseiterrolle. Kohl nennt in seinem Buch natürlich auch „die positiven Seiten dieses Lebens“. Er war „live“ dabei als sich Mitterand und sein Vater über den Gräbern von Verdun die Hand reichten, als am Brandenburger Tor die deutsche Wiedervereinigung gefeiert wurde. „Der Sohn vom Kohl zu sein ist für mich heute kein Problem mehr, es geht in meinem Buch nicht um Recht oder Unrecht, um richtig oder falsch. Ich habe durch das Schreiben meine inneren Frieden gefunden und glaube, dass das Buch auch anderen als Sprungbrett für ihr eigenes Leben dienen kann.“ Nun muss ihm nur noch der Vater die Hand zur Versöhnung reichen, denn der wollte die Veröffentlichung nicht und hat seit 2008 jeden Kontakt zum Sohn abgebrochen. (Quelle: Fulda Aktuell vom Samstag, 28.01.2012)